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Luther und Solidaritaet

„Unser Nächster ist jeder Mensch, besonders der, der unsere Hilfe braucht.“


Dies ist ein Gedanke, der zurückgeht auf eine berühmte biblische Stelle, in der erzählt wird, dass Jesus einmal gefragt wurde, was das höchste Gebot sei. Seine Antwort: „Du sollst Gott, deinen Herren, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus-Evangelium, Kapitel 22, Verse 37 – 39) Jesus bezieht sich hier auf zwei Stellen in der Thora, dem jüdischen Gesetzbuch: 5. Buch Mose, Kapitel 6, Vers 5 und 3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 18. Dieses berühmte christliche Gebot der Nächsten- und Gottesliebe hat also jüdische Wurzeln und ist demnach nicht genuin christlich, wie viele vielleicht denken mögen. Für die Reformatoren war dieser Gedanke zwar ebenfalls wichtig, doch nicht das Zentrum der christlichen Botschaft. Gerade für einen Martin Luther lag der Schwerpunkt des Evangeliums nicht auf den Geboten, sondern auf dem von Gott geschenkten Glauben. Er ist die grundlegende Voraussetzung, dass wir die Gebote und somit auch dieses dreifache Liebesgebot (Gottesliebe – Nächstenliebe – Selbstliebe als Akzeptanz des eigenen Ichs) erfüllen können. Alles andere wäre Werkgerechtigkeit, die nur in der Befolgung der Gebote und ihres Wortlautes die Erfüllung des Willens Gottes sieht. Schließlich warb schon Jesus von Nazareth dafür, nach dem Freiheit schenkenden Geist der Gebote zu leben, statt auf ihren Freiheit einschränkenden Wortlaut zu beharren.

Nun ist der moderne Begriff der „Solidarität“ nicht unbedingt gleichbedeutend mit dem Begriff der Nächstenliebe. Solidarität ist an sich als Begriff wertneutral. Ein Mensch kann sich mit allem solidarisch erklären, was in sein Denkschema passt. Im Sinne der christlichen Botschaft und im Sinne der Reformation meint Solidarität aber das Sich-gemein-machen mit denen, die im Leben zu kurz kommen, die leiden müssen, worunter auch immer, die schwach sind, warum auch immer.

Was vor 500 Jahren noch mehr als Aufgabe des Einzelnen begriffen wurde, sich dem Nächsten zuzuwenden, das braucht im Zeitalter der Massengesellschaften und der Globalisierung die staatlich-gesellschaftliche Dimension. So sehr der „good-will“ des Einzelnen immer gefragt sein wird, so sehr braucht es eine solidarische Gesellschaft als Ganzes, wozu auch die politischen Rahmenbedingungen gehören. Nur eine solidarische Welt wird künftig eine Friedliche sein. Nur in einer solidarischen Welt werden künftig die Flüchtlingsströme abebben und wird das Ausnutzen und Ausbeuten so vieler Menschen für politische und wirtschaftliche Ziele Einzelner ein Ende finden.

Die Reformatoren hatten 1500 Jahre nach Jesus wieder daran erinnert, dass Nächstenliebe aus Gottvertrauen fließt. Lassen wir uns 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers auch wieder daran erinnern, wie (über-)lebenswichtig Solidarität bzw. Nächstenliebe ist, die sich in der Gottesliebe gründet und die sich selbst annehmen kann mit allen Stärken und Schwächen!