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Luther und Courage

„Hier stehe ich und kann nicht anders“


„Hier stehe ich und kann nicht anders“ – Ob Martin Luther dies wirklich gesagt hatte bei seinem Verhör auf dem Reichstag 1521 in Worms vor dem Kaiser und den Fürsten der deutschen Landen, das ist nicht mit Quellen belegt und deswegen auch umstritten. Allerdings spiegelt sich in diesem Satz das wider, was er wohl empfunden haben mag, als er da so alleine vor all den Mächtigen des Landes stand – wie ein kleiner Fisch im riesigen Meer, umgeben von lauter Haien. Hier forderte ein kleiner Mönch aus dem winzigen Nest Wittenberg die mächtigsten Männer Europas heraus. Und er tut dies unter Berufung auf sein Gewissen: „Mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“ Dieses Zitat ist freilich O-Ton Luther. Er wagte es, das eigene Gewissen über die Institutionen von Kirche und Staat zu stellen. Damit eröffnete er unserer heutigen modernen Welt den Weg zu Rechtsstaatlichkeit, in der die Rechte der Einzelnen geschützt und zugleich auch ihre Verantwortlichkeiten umrissen sind. Das Gewissen als höchste Instanz der Urteilsbildung ist die Voraussetzung für einen freien Menschen. Dazu bedarf es freilich jeder Menge Courage. Wer stellt sich denn auch heute noch allein gegen die Mehrheit, zumal wenn es ihn Kopf und Kragen kosten könnte? Martin Luther bezahlte seine Courage mit dem Ausschluss aus der Kirche (gleichbedeutend mit Berufsverbot) sowie mit dem Reichsbann, mit dem er für vogelfrei (gleichbedeutend mit „freigegeben für den Abschuss“) erklärt wurde. Diese Courage, sich gegen alle Mächte auf sein eigenes Gewissen zu berufen, ist es, die die Reformation auch heute noch aktuell sein lässt in ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Doch Luthers Courage ist etwas völlig anderes als die aufkommende populistische Courage der Gegenwart. Versteckt sich hinter dem Aufstand gegen die herrschenden Verhältnisse durch den gegenwärtigen Populismus eine grundsätzlich antidemokratisch, antipartizipatorische Haltung („Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“), hatte Luthers Kritik an den damals herrschenden Verhältnissen in der römisch-katholischen Kirche das Ziel, allen Christinnen und Christen gleichermaßen Anteil und Anrecht an der Gemeinschaft der Glaubenden zu geben (das sog. Priestertum aller Gläubigen). Das war im Grunde eine emanzipatorische Bewegung, die zwar mit Demokratie noch nichts zu tun hatte, für sie aber in Europa eine erste wichtige Schneise schlug. Pfarrer Hartmut Stiller