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Luther und Bildung

Martin Luthers Verhältnis zur Bildung


Jena 2011, S. 7-30 (Diesen Artikel finden Sie auch in „Evangelisch in Weiterstadt“ – Gemeindebrief der evangelischen Gemeinden in Weiterstadt, Gemeindebrief 2/2017 S.5 & S15 )

Die Bedeutsamkeit der Reformation für die Bildung in Deutschland und darüber hinaus und damit der Wert des Protestantismus für die Bildung der Menschen wird angesichts der überwiegend staatlichen Schulen und Universitäten gerne vergessen. Doch liegt die Wiege des modernen Bildungsverständnisses gerade in diesen Jahren der Reformation, also vor rund 500 Jahren.



Luther und Bildung

Wenn auch der Rektor der Wittenberger Universität, Philipp Melanchthon (1497 – 1560), als der „Lehrmeister Deutschlands“ gilt, weil er dem allgemeinen Schulwesen viele Impulse gab, so ist schon sein Lehrmeister Martin Luther ein hartnäckiger Verfechter der allgemeinen Schulbildung gewesen. Luther verstand unter Bildung nicht nur zweckorientierte Ausbildung wie sie in der damaligen Ständegesellschaft üblich war. Für ihn war Bildung zunächst zweckfrei. Die Jugend sollte zu „allerley tüchtig“ sein und am Ende selbst entscheiden, welchen Beruf sie wählen und welches der Bildungsinhalte (Griechisch, Hebräisch, Latein, Mathematik, Musik etc.) sie nutzen wollen. Hier scheint Luther an seine eigene Kindheit und Jugend zu denken, wo er unter seinem strengen Vater offensichtlich sehr gelitten hatte. Dieser wollte unbedingt, dass Martin Jurisprudenz studierte. Mit diesem Vorschlag gab er den Schülern einen großen Freiraum. Andererseits hatte das zur Folge, dass die Vorherbestimmtheit der ständischen Ausbildung, also z.B. der Schuhmachersohn wird auch wieder Schuhmacher, allmählich aufgelöst wird. Die gesellschaftlichen Grenzen verschwimmen. Deshalb auch seine Forderung: Bildung soll für alle sein, auch für die Ärmsten, auch für die Mädchen, Forderungen, die damals schon fast revolutionär klangen. Ebenso interessant ist Luthers Ansicht darüber, wer Schulträger sein sollte. Im Zuge der Reformation schlossen viele Klöster ihre Pforten. Sie waren die traditionellen Bildungs- und Erziehungsanstalten. Damit aber geriet die Bildung in den deutschen Landen erst einmal in eine Krise. Luther war das ganz recht. Er wollte auf keinen Fall, dass die Bildung weiterhin in kirchlicher Hand blieb. Er rief auch nicht nach Kaiser und Fürsten, um sie zu überreden kaiserliche oder fürstliche Schulen zu gründen. Ebenso war für ihn die häusliche Bildung keine Alternative. Entweder hatten die Eltern dafür keine Zeit, oder sie selbst waren zu ungebildet, um ihre Kinder zu bilden. Für Luther waren die einzig Richtigen für die Bildungsträgerschaft die Städte und Dörfer. Sie sollten die Verantwortung für die Bildung und Ausbildung ihrer Kinder und Jugend übernehmen, indem sie „tüchtige meyster und meysterynn“ (man beachte: Luther spricht auch von weiblichen Lehrerinnen!!) anstellen. In der Folge übernahmen dann auch mehr und mehr Kommunen diese Aufgabe noch bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts. In der Pädagogik schlug Luther ebenfalls neue Wege ein. War für ihn das alte Lernen in den Klöstern mit „Steupen, Angst, Zittern und Jammern“ verbunden, was das Lernen letztlich hinderte, so trat er vehement dafür ein, dass der Unterricht dem Wesen der Kinder nach gestaltet werden muss. Ihrer Neugier, ihrem Drang nach Bewegung sollte Rechnung getragen werden; und es sollte seinen eigenen Sinn bzgl. dem erlernten entdecken können, ohne Vorgaben der Erwachsenen. Für ihn rückte also das Kind mehr und mehr in den Mittelpunkt des Bildungsverständnisses, und eben nicht die Interessen der Erwachsenen – eine Erkenntnis, die bis heute nicht überall in unserer deutschen Bildungslandschaft angekommen ist. Allerdings passt Martin Luther mit dieser Ansicht sehr gut nach Weiterstadt! Das hat seinen Grund: Im Jahr 2002 wurde der Bildungsbeirat der Stadt Weiterstadt gegründet. Er ist das Ergebnis eines Bildungsforums, das der ehemalige, 2016 verstorbene stellvertretende Vorsitzende der evangelischen Gemeinde Weiterstadt, Dr. Wilfried Vetter, initiierte. Sein Anliegen war es, positive Lehren aus den für Deutschland ernüchternden Ergebnissen der ersten PISA-Studie zu ziehen. Vor Ort sollten Strukturen geschaffen werden, in denen die Kinder und Jugendlichen ihren Gaben und Fähigkeiten gemäß optimal gefördert werden und möglichst kein Kind durch das Raster fällt. Aus diesem Anliegen entstand in den letzten 15 Jahren die „Bildungslandschaft Weiterstadt“. Alle nähere Informationen finden Sie unter: http://www.weiterstadt.de/bildung-familie-gesundheit/bildungslandschaft/organe/index.php. .